Schnelles Wiedersehen Von Barcelona Und Juventus

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Diese Geschichte beginnt einen Tag früher als erwartet. Der Angestellte in der Autovermietung in Valencia will wissen, wohin die Reise geht. Als er vom Trip an den GP von Aragon hört, leuchten seine Augen, wie italienische Augen leuchten können, wenn es um Fussball geht. Oder um Valentino Rossi.

Giorgio ist Neapolitaner und Juventus-Fan, was in seiner Heimat eine Todsünde darstellt. Doch Giorgio lebt ja in Valencia, schön ist es auch hier, und er vergöttert Valentino Rossi. «Vale ist mein Held», sagt er und bietet aus Begeisterung gleich ein hübsches Upgrade aufs Mietauto an. Das zieht er auch nicht zurück, als er von der Sympathie des Gastes für Inter Mailand hört. «Fehler macht jeder», sagt Giorgio, «Vale ist auch Inter-Fan.» Sein Kollege, als Einheimischer selbstredend Valencia-Aficionado, ruft derweil rüber: «Rossis Zeit ist vorbei. Marc Marquez ist der Beste.»

Am Sonntag bei der Anfahrt mit dem rassigen Upgrade-Wagen ins Motorland Aragon im Niemandsland bleibt Zeit dafür, über den faszinierenden Valentino Rossi, unter anderem «Dottore» genannt, zu sinnieren. Rossi ist ein Superstar, Weltmeister in allen drei Kategorien, siebenfacher Champion in der Königsklasse, und selbst wenn sein letzter Titel acht Jahre zurückliegt, überstrahlt er die Konkurrenten immer noch.

Mehrfach wurde der Italiener abgeschrieben, stets kehrte er zurück, dreimal wurde er zuletzt WM-Zweiter. Anfang Monat zog er sich im Training bei einem schweren Enduro-Crash einen doppelten Beinbruch zu.

Wenn Rossi für Tifosi weltweit ein Heiliger ist, stellt das Motorland Aragon das gelobte Land für Motorsportfreaks dar. Die Rennstrecke ist ein Entwicklungsprojekt für eine Region im Abseits, zwei Stunden dauert die Fahrt von Barcelona, drei Stunden von Valencia, die Anreise ist hügelig, viele Zuschauer sind mit dem Motorrad hochgekommen.

Seit 2010 werden hier GP-Rennen ausgetragen, Rossi hat nie gewonnen, und es ist ohnehin eine der wenigen Veranstaltungen, bei der sich nicht die allermeisten Besucher das extrovertierte Aushängeschild der Branche als Sieger wünschen. Vier Männer aus Barcelona sind in Merchandising-Produkte von Marc Marquez gekleidet, einer sagt: «Wir gehen an alle Rennen in Spanien. Es ist viel spektakulärer und spannender als die Formel 1, die Fahrer­duelle sind enger und wilder.»

Drinnen im riesigen Paddock, dem exklusiven Bereich für VIP-Gäste, stehen jede Menge Lastwagen, Motorhomes, Sponsorenpaläste. Manche verlassen diese Zone nie. Vertreterinnen von Frauenrechtsorganisationen sollten sich nicht in den Paddock verlaufen, ausser sie möchten die Umsätze von Schocktherapeuten frisieren.

Die ausnehmend hübschen Boxenluder (oder Hostessen, um den politisch korrekten Ausdruck zu benutzen) tragen kurze Röcke über und Mega-High-Heels unter langen Beinen. So wie an Motorsportevents sind Frauen ausserhalb von Freudenhäusern nur in italienischen Fussballsendungen gekleidet. Ihre Aufgabe im feministinnenfeindlichen Gebiet: sexy aussehen. Sie erfüllen mit Bestnote 6.

Wer dieses Bild für klischiert hält, kommt spätestens nach einer halben Stunde in testosterongeschwängerter Atmosphäre zum Urteil: Hier ist die politisch unkorrekte Männerwelt noch in Ordnung – und Frau ein Accessoire für wilde Kerle. Oder für Männer, die gerne wilde Kerle wären. Ein Arbeiter, der jeweils beim Auf- und Abbau des Paddocks anpackt, erklärt schmunzelnd, es gebe kaum Orte, wo man Frauen so schnell näher kennen lerne. Zugegeben, seine Wortwahl ist nicht ganz so vornehm, aber möglicherweise lesen auch Vertreterinnen von Frauenrechtsorganisationen diesen Text.

Eigentlich geht es aber ja um tollkühne Motorradakrobaten, die auf der langen Geraden auf über 350 Stundenkilometer beschleunigen. Drei Schweizer gehören dazu, ihre Resultate im Moto-2-Rennen widerspiegeln ihren ­Stellenwert: Titelkandidat Tom Lüthi wird Vierter, Mittelklassevertreter Dominique Aegerter Zwölfter, Hinterherfahrer Jesko Raffin belegt Rang 23. «Ich muss schneller schneller werden», sagt Raffin. «Und konstanter in die Punkte fahren.»

Andere Ansprüche haben seine Kollegen, die zwei Wochen vorher am GP von San Marino einen historischen Doppelsieg gefeiert haben. Aegerter gewann zum zweiten Mal in seiner Karriere, er steht meistens im Schatten Lüthis. Und wer die zwei Berner nach dem Rennen am Sonntag beobachtet, erkennt rasch einen Hauptunterschied.

Lüthi wirkt genervt, weil sich der Rückstand im WM-Klassement auf Seriensieger Franco Morbidelli von 9 auf 21 Punkte erhöht hat. «Das ist ein Rückschlag», sagt er, «aber mehr war nicht möglich.» Nüchtern und garniert mit Fachbegriffen erklärt Lüthi die Probleme, vereinfacht funktionierten technische Abstimmung und Bremsverhalten nicht wunschgemäss. Lüthi sitzt noch in Rennmontur vor den Journalisten, schwitzt stark und ist froh, als die Fragerunde zu Ende ist. Er will alleine sein, den Tag verarbeiten. Es geht weiter, immer weiter, so sieht er das. Im Hintergrund läuft am TV das Moto-GP-Rennen, nächste Saison wird Lüthi in der Topliga mitfahren. Noch ist das weit weg.

Ein paar Minuten später steht Dominique Aegerter in seinem Teambus Rede und Antwort. Er ist schon fast umgezogen, lümmelt auf einem Sofa herum, das Handy in der Hand. Ihm gelingt es erheblich weniger stark als Lüthi, den Fokus zu halten, das weiss er selber am besten. Er gilt als Rock ’n’ Roller und Frauenheld und ist zweifellos der perfekte Zeuge, wie schnell man im GP-Zirkus Girls näher kennen lernt. Das Gespräch mit dem ebenfalls unzufriedenen Aegerter dauert viermal so lang wie mit Lüthi, die Stimmung ist sofort ungezwungen, es geht bald auch darum, ob sich Sex vor einem Rennen positiv auswirkt.

Aegerter präsentiert keine Feldstudie, er ist nicht so der akribische Typ, aber was sich jugendfrei festhalten lässt: Am Abend vor dem GP von Aragon ist es schwieriger, eine Gespielin zu organisieren als am Abend vor dem GP von San Marino. Wahnsinnig erkenntnisreich ist das nicht, schliesslich weicht Aegerters Siegesquote (2 von 178) deutlich von seiner – nun ja – Eroberungsquote ab. Er ist überzeugter Single («eine feste Freundin wäre stressig»), und es gibt Insider, die behaupten, Tom Lüthi sei vor allem deshalb wieder WM-Titel-Kandidat, weil er länger solo sei.

Kurz nach der munteren Plauderei mit Aegerter endet das Moto-GP-Rennen. Valentino Rossi, der Wahnsinnige, hat 24 Tage nach Bruch des rechten Schien- und Wadenbeins seine Fabelleistung aus dem Training bestätigt. Der 38-Jährige läuft mit Krücken, ist aber schnell wie eh und je. Nach Rang 3 im Qualifying erreicht der Wunderdoktor, die Knochen mit Schrauben und Platten fixiert, beim sensationell frühen Comeback den fünften Platz. Rossi ist mal wieder Held des Tages, der Sieger aber heisst Marc Marquez. Er hat wie Rossi in allen Kategorien den Titel geholt und steht vor dem vierten Moto-GP-Triumph.

Doch selbst wenn der streitbare Spanier mit dem aggressiven Fahrstil 15-mal Weltmeister wird, erlangt der 24-Jährige nicht das Standing des charismatischen Rossi. Der Italiener ist Vorbild von Marquez, Lüthi und Millionen anderen Motorradbegeisterten. Und deshalb sorgt das Moto-GP-Rennen im Motorland Aragon bestimmt auch in einem Autovermietungsbüro in Valencia für prächtige Laune. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.09.2017, 11:52 Uhr

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