Paul Walker: So Emotional Gedenkt Tochter Meadow Dem Tod Ihres Vaters

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Erst einmal verschafft das Autorenpaar Eva und Volker A. Zahn aber einem anderen starken Gefühl Ausdruck: der Wut. Im Duisburger Tunnel, wo sich Tausende stauten und in einen Kampf um Leben und Tod gerieten, wird der Opfer mit Fotos, Kerzen und Blumen gedacht. An den Wänden sind die Umrisse der Menschen aufgemalt, als hätte sich die Loveparade hier auf ewig eingebrannt. An einem solchen Ort verhält man sich pietätvoll, doch im Film werden die Zeichen der Anteilnahme zornig weggefegt. Von Antonia (Jella Haase), einer jungen Frau, die damals selbst in der zusammengepressten Masse gefangen war. Das Schild mit der Aufschrift "Warum?" ist der Auslöser. "Es gibt kein Darum", wird sie später sagen. Die, die tot sind, seien die Guten. "Und wir, die überlebt haben? Sind die Kaputten, die nichts auf die Reihe kriegen."

Antonia ist 24, hat nach der Loveparade die Schule abgebrochen und hat keinen Job. Sie lebt noch bei ihrem Vater, einem Musiklehrer (Martin Brambach), und ihrer Stiefmutter (Christina Große), einer Sozialarbeiterin. Man begegnet sich in der kleinen Küche, es geht rau, aber herzlich zu. Eine sympathische Familie. Und wenn Antonia nicht gerade die Gedenkstätte zerstört, ist ihre rotzige, direkte Art ziemlich erfrischend. Zugleich ist sie extrem verletzlich und kann durch ein rosa Tuch, das von der Schulter einer Frau zu Boden segelt, aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Dann setzen Flashbacks ein: Erinnerungsfetzen, die ihr die Sinne rauben, weil die rosa Farbe das Gefühl der Enge und Ausweglosigkeit zurückbringt.

Im Internet sind reichlich Handyvideos zu finden, die das entsetzliche Geschehen aus nächster Nähe dokumentieren. Regisseurin Nicole Weegmann beschränkt sich klug auf diese kurzen, schnell geschnittenen, verwackelten Flashbacks und versucht erst gar nicht, die Vorgänge im Detail nachzustellen. Der Film bedient jedenfalls keinen Katastrophen-Voyeurismus.

Auch sonst gibt es keine Rückblenden. Drehbuch und Inszenierung verzetteln sich nicht in dem komplexen Geschehen der Vergangenheit, sondern bleiben ganz konzentriert bei den beiden Hauptfiguren in der Gegenwart. Während Antonia stets unter Spannung steht, ist der deutlich ältere Sascha (Carlo Ljubek) der in sich gekehrte Ruhepol. Die naheliegende Vermutung, dass hier eine Liebesgeschichte zwischen Opfer und Täter erzählt werden soll, erfüllt sich zwar in gewisser Weise. Aber die Tiefe der Charaktere, die Inszenierung und die aufregende Präsenz von Jella Haase sowie das kongeniale Zusammenspiel mit dem souveränen Carlo Ljubek verhindern jeden Anflug von plumpem Kitsch.

Sascha, ein verkrachter Mathematiker, fährt Taxi, Antonia läuft ihm nach dem Wutausbruch an der Gedenkstätte vors Auto. Er verrät sie nicht an die Polizei, obwohl die Fahndungs-Meldung, übermittelt per Funk aus der Taxizentrale, eindeutig ist. Unklar bleibt vorerst, warum sich Sascha für Antonia interessiert. Oder warum er seine Fahrgäste filmt, "Menschen sammelt", wie er sagt. Und als er leichtfertig behauptet, er sei damals auch ein Überlebender im Tunnel gewesen, weckt das erst recht Antonias Misstrauen.

Gerade die Widersprüchlichkeiten sind es, die die Figuren lebensnah wirken lassen. Und so hält man diese etwas rätselhafte Verbindung sofort für möglich, auch weil da eine Menge Energie fließt zwischen den beiden Polen, die sich gegenseitig anziehen und wieder abstoßen. Bemerkenswert außerdem, dass die therapeutische Selbsthilfe der Überlebenden nicht simpel idealisiert wird. Im Gegenteil: Der Stuhlkreis im Verein "Die Rampe" erweist sich als eine ziemlich unerbittliche Runde. Und das Richtige und Gute wird clever als Mittel eingesetzt, um der Geschichte eine neue Wendung zum Unguten zu geben.

Als sich beide Protagonisten das erste Mal ernsthaft nähergekommen sind, informiert Paul (Jakob Diehl), der Gruppenleiter beim Selbsthilfe-Verein, Antonia darüber, dass Sascha vor Jahren ein Gutachten über die Fluchtwege bei der Loveparade geschrieben hatte. Man möchte ihn als Zuschauer dafür hassen - nicht Sascha, Paul natürlich. Antonia beginnt nun eine Art Rachefeldzug und bezieht auch Saschas 14-jährigen Sohn Jasper (Jeremias Meyer) mit ein. Krass ist die Szene, in der sie Sascha bei der Mutter (Lena Stolze) eines getöteten Kindes böse auflaufen lässt.

Es stellt sich heraus, dass nicht nur Sascha, sondern auch Antonia von Schuldgefühlen geplagt wird. Während sie alles niederreißen will, hat er sich verschanzt. Zwei starke, ambivalente Figuren sind das, in einer Geschichte, die die vielfältigen Folgen der Tragödie von Duisburg sichtbar macht. Statt eines Schuldspruchs gibt es ein offenes Ende. Und die Hoffnung, dass es im Leben danach auch ein Leben davor geben kann. Ein wenig Happy End tut auch mal gut. Das ist schließlich das Privileg einer fiktionalen "Aufarbeitung".

Aus epd medien Nr. 38 vom 22. September 2017

Die Kaputten
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