Heiner Geißler: Der Schlichter, Der Niemals Leise Sprach

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Heiner Geißler ist nach Angaben der Senioren-Union der CDU in seinem südpfälzischen Wohnort Gleisweiler im Kreise der Familie gestorben. Der Ortsbürgermeister Robert Vogl zeigte sich „sehr geschockt“ von der Todesnachricht. Geißler sei im Ort „sehr, sehr beliebt“ und auch aktiv gewesen. Er habe aber gewusst, dass Geißler schwerer erkrankt gewesen sei, sagte Vogl. Anfang August gebe es in dem Ort immer ein Weinfest, bei dessen Eröffnung Geißler immer ein paar Worte gesagt habe. Diesmal habe Geißler angerufen und gesagt, dass er nicht komme. „Das war das erste Mal, dass er das nicht gemacht hat.“

Politiker aller Parteien würdigten Geißler. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: „Er wird mir auch ganz persönlich sehr fehlen.“ Geißler habe „Mut, Unerschrockenheit und Humor“ gehabt und „immer den Menschen zugewandt“ gehandelt. „Er war mir Ratgeber und Stütze bis zuletzt“, sagte Merkel, die zuletzt vor einer Woche mit Geißler telefoniert habe. SPD-Außenminister Sigmar Gabriel nannte ihn eine „prägende politische Gestalt der ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik“. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verschwieg auch Geißlers „polemische Begabung“ nicht, würdigte aber zugleich seinen Einsatz für den Ausgleich beim Streit um Stuttgart 21.

Als 15-Jähriger hatte sich Geißler in den letzten Kriegsmonaten dem Morden des Nazi-Staats entzogen: Der Jesuiten-Schüler desertierte. Er tat dies nicht aus Feigheit, sondern aus Überzeugung. Und es steht nicht im Widerspruch dazu, dass er 1983 darauf beharrte: „Ohne den Pazifismus der 30er Jahre wäre Auschwitz überhaupt nicht möglich gewesen.“ Heiner Geißler war früh genug ein eigener Charakter, um mit anderen Standpunkten umgehen und Konflikte aushalten zu können.

Der Wuppertaler Bundestagsabgeordnete und außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jürgen Hardt, schilderte am Dienstag, wie er als Bundesvorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten Geißler 1987 kennenlernte: „Zu den für mich politisch prägendsten Erlebnissen zählt ein Auftritt gemeinsam mit Heiner Geißler am 10. Dezember 1987 zum Tag der Menschenrechte an der Universität in Frankfurt. Kurz zuvor war bei den Protesten gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens ein Polizist erschossen worden. Die Atmosphäre im prall gefüllten Hörsaal war aggressiv und gewaltgeladen. Unser Auftritt gemeinsam mit dem frisch gewählten AStA-Vorsitzenden des RCDS wurde von Linken und Autonomen niedergeschrien. Im Hörsaal hing ein Transparent: „Geißler in die Badewanne“, in Anspielung auf den Tod des früheren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel.“ Als der Leiter des Personenschutzes ihnen einen Zettel mit der Nachricht „Rückzug nicht gesichert“ zuschob, habe Heiner Geißler gerufen: „Dann bleiben wir eben hier.“

„Intellektuell brillant, Politik aus Grundsätzen gestaltend und scharf in der Debatte – das war Heiner Geißler. Er war einer unserer Besten“, beschrieb ihn NRW-Ministerpräsident Armin Laschet am Mittwoch. Ohne Geißler wäre die moderne Volkspartei CDU nicht möglich gewesen, so Laschet, der daran erinnerte, wie Geißler die CDU reformierte: „Durch sein Wirken wandelte sich die CDU in den Siebziger Jahren endgültig von einer Honoratioren- zu einer Mitgliederpartei. Mit seinem Namen wird die Verabschiedung des Ludwigshafener Programms 1978 verbunden bleiben, dem ersten Grundsatzprogramm der CDU.“

Das Austeilen gehörte als General zu seinem Selbstverständnis

Genau darin lag letztlich der Grund für den Bruch, den Kohl vollzog: Geißlers Loyalität galt der CDU, nicht einer einzelnen Person. „Ich war nicht Generalsekretär des Kanzleramtes oder des Bundeskanzlers oder des Parteivorsitzenden, sondern ich war Generalsekretär der Partei“, so Geißler vor einigen Jahren. Da hatte er, anders als Kohl, mit dem „unnötigen Krampf“ von damals längst abgeschlossen: „Schade, dass es so gelaufen ist, das ist wahr. Aber das war’s dann auch.“

Zu seinem Selbstverständnis als „General“ gehörte es freilich auch, massiv auszuteilen. Eher damit als mit echter Überzeugung ist zu erklären, dass er die SPD als „fünfte Kolonne“ Moskaus bezeichnete; im Gegenzug beschimpfte ihn 1985 Willy Brandt als den „seit Goebbels schlimmsten Hetzer in diesem Land.“

Geißlers beachtliche Leistungen nach 1997 als Schlichter in Tarifauseinandersetzungen bei Bau, Telekom und Bahn sowie zuletzt im Konflikt um „Stuttgart 21“ waren fast so etwas wie eine Rückkehr zu seinen beruflichen Anfängen: 1962 begann der Jurist als Amtsrichter in Stuttgart. Nur das Leisesprechen fiel Heiner Geißler zeitlebens schwer.

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