Heiner Geißler – Ein Populist Im Besten Wortsinn

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Von Jesko Matthes.

Auf komplizierte Fragen gibt es keine einfachen Antworten. - Das ist die Standardfolklore, wenn es um Themen wie „Europa“, „Energie“, „Globalisierung“ oder „Integration“ geht. Das alles sei so kompliziert, dass man es Laien überhaupt nicht mehr erklären könne – also auch nicht müsse. Das seien Dinge für Experten. Wer anders argumentiere, der sei ein Populist. So weit die Standardfolklore. Seltsam, dass meine Erfahrung eine andere ist: Je allgemeiner – und gerade dadurch vereinfachender – die Frage, desto komplizierter wird es, sie zu beantworten. Komplizierte Fragen gibt es vor allem dann, wenn sie absichtlich vereinfachend gestellt werden. Je präziser dagegen die Frage, desto einfacher die Antwort.

Deutschland hat einen Politiker verloren, der das wusste: Heiner Geißler. Von diesem streitbaren Mann sind Zitate überliefert wie jenes, dass man sich die Demokratie nicht wie einen Harmonieverein vorstellen dürfe; dass es die Pflicht eines Politikers sei, den Menschen die Wirklichkeit zu vermitteln; dass, wer etwas bewegen wolle, den Streit entfachen müsse.

Wenn jetzt Heiner Geißler posthum von allen als einer der Ihren gewürdigt wird, dann tut man ihm damit Unrecht und erweist seinem Gedenken einen schlechten Dienst. Richtig: Die CDU verliert den CDU-Mann, Attac eines seiner angesehensten Mitglieder, die Grünen bezeichnen ihn gar als „Gesinnungsgenossen“, die Katholiken trauern um den Jesuiten. - Ist das alles: Ein Mensch in seinem Widerspruch auf dem Marsch von rechts nach links?

Es gab andere Zeiten, da galt Heiner Geißler als moralisierender Polarisierer, gar als schlimmster Hetzer seit Joseph Goebbel . In jedem Fall als jemand, der zuspitzte, sich freiwillig und gezielt zwischen die Stühle zu setzen bereit war, gerade dann, wenn ihm ein ideologisches Stammbuch gereicht werden sollte. Früh erkannte er, dass Helmut Kohl daran zu scheitern drohte, sich politisch zu wenig zu bewegen und seine Partei zu einem Kanzlerwahlverein verkommen zu lassen; auch im Stammbuch der heutigen CDU steht diese Mahnung.

Genau das war es, was ich an Heiner Geißler schätzte, seine Fähigkeit, aus komplexen Themen seine eigene, deutliche Antwort zu destillieren, die immer zuerst eine persönliche war und erst danach eine politische, sie auch mir als Wegweiser anzubieten, an dem ich im wahrsten Wortsinn links oder rechts vorbeigehen konnte.

Heiner Geißler war also kein Mann des Mainstreams, der ihn jetzt genüsslich für sich mit Beschlag belegt. Geißler war Populist im besten Wortsinn; erleben kann man das ausführlich hier  in seinen Gedanken vor dem Lutherjahr.

Erst analysieren und dekonstruieren, dann vereinfachen

Geißler schaute auf das, was das Volk bewegt, und er hütete sich bei aller Vereinfachung, zu der er durchaus fähig war, vor verbalen Nebelkerzen. Er analysierte und dekonstruierte, bevor er zur Vereinfachung schritt. Er hütete sich nicht vor Schlagworten; jedoch wusste er, dass es zur Vermittlung - und als Schlichter war er beinahe bis zuletzt tätig - gehört, zunächst die Begriffe selbst zu befragen, sie niemals als Selbstzweck zu akzeptieren. In der „Globalisierung“ sah er eine soziale Chance und ein multinationales Risiko, und ich möchte wetten, dass er es im Hinblick auf „Europa“,  „Energie“ und „Integration“ genauso gehalten hätte.

Ich bin überzeugt, dass Geißler sich heftig wehren würde, berücksichtigte man nur, dass er mit zunehmendem Alter „linker“ geworden sei, selbst wenn das für den katholischen Sozialpolitiker zutreffen kann; katholischen Sozialpolitikern kommt man ja gern mit der ironischen Formel vom Herz-Jesu-Marxisten. Ich denke eher, Geißler würde antworten, es müsse auch eine konservative Kritik an der „Globalisierung“ geben – genauso wie an den anderen genannten Themen, und zwar eine Kritik, die zunächst der Wirklichkeit verpflichtet ist, und erst danach zu eigenen Standpunkten führt, ganz abgesehen von ideologischen Sichtweisen, die ihm so offensichtlich zuwider waren.

Deutschland hat einen Mann verloren, der das reinigende intellektuelle Gewitter als Voraussetzung der politischen Schönwetterlage sah, einen Mann, dem die Schwarzweißmalerei der Schlagworte weniger als nichts bedeutete, nämlich ein gefährliches politisches Defizit. Die Lobeshymnen der Konsensdemokratie über ihn, die wir jetzt zu hören bekommen, hätte er allenfalls kurz genossen - und dann beiseite gewischt, um zu seinem Tagesgeschäft überzugehen, der kritischen Analyse.

Heiner Geißler fehlt mir.

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